Eine Empfehlung der Aufklärungsgruppe Krokodil: „Wie geht`s wirklich unter Reichsbürgern zu?“ von Autor Dirk Walbrühl

Vorwort von Jörg Stolzenberger

Aufklärungsgruppe Krokodil

08. Juni 2017

 

Die Aufklärungsgruppe Krokodil war bereits Ende Juni 2016 Ziel einer E-Mail- Auseinandersetzung mit einem sogenannten „Reichsbürger“.

D. SCH. versuchte sich dagegen aufzulehnen, dass wir auf unserer Webseite das sogenannte „Handbuch für Verwaltungen: Was tun, wenn der ’Reichsbürger’ kommt?“ eingestellt hatten und haben. Das Handbuch ist ein Ratgeber für Verwaltungen im Umgang mit dem Personenkreis. Herausgeber ist Dirk Wilking.

Siehe: http://www.aufklaerungsgruppe-krokodil.de/2016/01/was-tun-wenn-der-reichsbuerger-kommt-ein-handbuch-zum-umgang-mit-den-sogenannten-reichsbuergern/

 

Herr D. SCH. schrieb uns:

„Sehr geehrter Herr Stolzenberger,

mit der Verteilung des Reichsbürger-Handbuches machen Sie sich strafbar/haftbar. Tatbestand: Betrug usw. Sie verteilen es unter folgendem Link… Sehen Sie sich mal diesen Film an: https://www.youtube.com/watch?v=7CjQSI1JhEk

Ein Beispiel für die falsche Darstellung im Buch: Bezug Seite 34 des Buches.

Der „Minister“ Schäuble CDU sagte bei einer Preisverleihung, daß er keine Verfassung für die Bundesrepublik Deutschland machen will weil es zu lange dauert.

Dies wurde vom mdr gesendet. Bedeutet ganz klar. Die „BRD“ hat keine Verfassung, nur ein GG mit fehlendem-, räumlichen Geltungsbereich. (..)

Herr D. SCH. wies dann auf seinen eigenen Blogspot im Internet hin.

 

Nachdem wir sein Anliegen ablehnten schrieb er folgendes:

 

„Sehr geehrter Herr Stolzenberger,

Sie können alles zurückweisen, aber Strafantrag werde ich jetzt dennoch stellen. Wir müssen ja schließlich „entnazifizieren.“ Es ist Betrug (..) und Sie sind rechtlich bedenklich.“

 

Nachdem ich nach fragte was Herr D. SCH. mit dem Begriff „entnazifizieren“ meine,

folgte seine Feststellung:

„Sehr geehrter Herr Stolzenberger,

Sie haben offensichtlich nichts verstanden. (..) Ich werde versuchen das Problem anders mit Ihnen zu lösen. Erstmal werde ich die Herausgeber verfolgen, sobald möglich. Der Gegner ist eine bessere Herausforderung und schwerer zu „knacken“, da mindestens ein „Ministerium“ und mehr beteiligt ist. Staatenlos.Info ist auch nicht perfekt, aber ein guter Anhaltspunkt. Damit sollten Sie sich beschäftigen, dann müssten Sie irgendwann verstehen, was ich mit entnazifizieren meine.“

Komischerweise wird von diesem Klientel die „BRD“ in rechtlicher Form, sowie deren Personaldokumente (Reisepässe; Personalausweise; Führerscheine) und Beamten usw. abgelehnt, es ist aber durchaus möglich, dass sie vom Staat, den sie ablehnen, für ihre gerichtlichen Auseinandersetzungen „Prozeßkostenhilfe“ beantragen, sowie auch D. SCH., wie man auf seinem Blog erkennen konnte.

Drohungen, Nötigungen, Beleidigungen, wenn man nicht an sein Ziel kommt?                  Warum muss dies sein?

 

 

Vor einigen Tagen ging mir der Artikel „Wie geht`s wirklich unter Reichsbürgern zu?“ von Dirk Walbrühl zu.

Katharina Lüth von Perspective Daily hatte ihn der Aufklärungsgruppe Krokodil übersandt.

Ich fand den Artikel sehr gut und informativ, wenn er tatsächlich nur „MARKUS“ dazu bringen würde, seine Ansichten als sogenannter Reichsbürger zu überdenken, so hat es sich wirklich schon gelohnt, dass er geschrieben wurde. Aber auch für andere Leser ist er interessant und deshalb bat ich den Autor schriftlich ihn auf unserer Seite einstellen zu können.

Wir telefonierten auch miteinander.

Dirk Walbrühl schrieb mir darauf am 08.06.2017 um 11.50 Uhr:

 

Sehr geehrter Jörg  Stolzenberger,
Liebe Aufklärungsgruppe Krokodil,

danke sehr für das Lob und an dieser Stelle auch meinen großen Dank für eure Arbeit!

Nach meiner Recherche in diesem Bereich ist umso deutlicher klar geworden, wie wichtig die Arbeit von Aufklärungsgruppen ist. Es gibt leider noch immer zu viele wie „Markus“ da draußen.

Wie vorhin telefonisch besprochen könnt ihr meinen Artikel gerne auf eure Seite stellen.

Beste Grüße (und weiter so!)

Dirk

 

 

Dieser Artikel von Dirk Walbrühl erschien im Original bei Perspective Daily, dem ersten lösungsorientierten und werbefreien Online-Medium aus Deutschland. Unter folgendem Link kommst du zum ursprünglichen Artikel mit zusätzlichen Quellen und Bonus-Informationen:
https://perspective-daily.de/article/263/psMwfTTz
Hier nun der versprochene Artikel:

 

Dirk Walbrühl

Wie geht’s wirklich unter Reichsbürgern zu?

 

  1. Mai 2017

Eigentlich war ich fertig mit den Verschwörungstheorien. Doch dann kamen die Marionetten – und Markus. Und ich war 30 Tage dabei.

Das ist doch nur die Wahrheit! Deutschland IST ein besetztes Land. Aufwachen!

Ich muss diese Zeilen 2-mal auf Facebook lesen, um sicherzugehen, dass Markus sie wirklich geschrieben hat. Anlass ist das neue Lied der Söhne Mannheims – Marionetten. Darin singt die Band von »Volksverrätern« und wütenden »Bauern mit Forken.« Reime und seltsame Anspielungen – da gibt es schlimmere Texte in den Charts. Manche Rezensionen sehen das anders. Der Frontmann Xavier Naidoo distanziert sich. Und manche aufgeregten Fans schreiben eben wütend gegen diese Rezensionen an. So auch Markus.

Ich kenne Markus von früher, aus der Schule. Damals hörte er noch die Böhsen Onkelz, schrieb seine Hausaufgaben ab und feierte mit mir Nächte durch. 8 Jahre lang war ich kein Bier mehr mit ihm trinken – weiß kaum, was in seinem Leben passiert, und will der ganzen Sache auch nicht weiter Bedeutung beimessen.

Als Markus einen Tag später der Facebook-Gruppe Deutschland & Reichsbürger beitritt, werde ich hellhörig. Auf seiner persönlichen Facebook-Seite finde ich ein geteiltes Video Staatenlos.info darüber, wie man aus der Bundesrepublik austritt. Ganz klar: Mein Schulfreund war dabei, ins Reichsbürgermilieu abzudriften – und ich startete den wenig hoffnungsvollen Versuch, ihn da rauszuholen.

Das Reichsbürger-Einmaleins

Alexander Waschkau betreibt seit Jahren den Online-Blog Hoaxilla, in dem er über Verschwörungstheorien aufklärt. Seine Meinung zum Song Marionetten: »In dem Lied wird implizit zum Widerstand gegen den deutschen Rechtsstaat aufgerufen.« – Quelle: Chris Marquardt copyright Um zunächst einmal zu klären, mit wem Markus sich hier eingelassen hat, hole ich mir Verstärkung beim Psychologen Alexander Waschkau, der seit Jahren über die Szene recherchiert.

Waschkau Alexander

 

 

Bild links: Alexander Waschkau                                                          Alexander Waschkau betreibt seit Jahren den Online-Blog Hoaxilla, in dem er über Verschwörungstheorien aufklärt. Seine Meinung zum Song Marionetten: »In dem Lied wird implizit zum Widerstand gegen den deutschen Rechtsstaat aufgerufen.« – Quelle: Chris Marquardt copyright

 

Reichsbürger sind Verschwörungstheoretiker, die glauben, dass es möglich sei, aus der Bundesrepublik Deutschland auszutreten. Grob geschätzt leben etwa 10.000 Reichsbürger heute im ganzen Bundesgebiet und in Österreich verteilt. Neu ist das Phänomen nicht: Die erste Reichsbürger-Gruppe »Kommissarische Reichsregierung« wurde bereits 1985 gegründet und entwarf große Teile der Ideologie, die heute die Reichsbürger definiert:

Staatsverweigerung: Reichsbürger lehnen die Bundesrepublik und das Grundgesetz ab. Stattdessen glauben sie, das Deutsche Reich bestünde in den Grenzen von 1937 bis heute rechtlich fort. Viele von ihnen gehen zusätzlich davon aus, dass der Zweite Weltkrieg nicht rechtmäßig per Friedensvertrag beendet worden ist. Damit wäre das deutsche Volk nicht souverän und die BRD eine installierte Fremdregierung, die nur den Willen der eigentlichen Besatzer verwaltet.

Wie lange noch wollt ihr Marionetten sein? Seht ihr nicht, ihr seid nur Steigbügelhalter. Merkt ihr nicht, ihr steht bald ganz allein. Für eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter. – Söhne Mannheims, Marionetten

Widersetzen gegen Behörden: Da sich Reichsbürger nicht an den Staat und seine Organe gebunden fühlen, glauben Reichsbürger, außerhalb des Gesetzes zu stehen. Sie bezahlen keine Rundfunkgebühren, Steuern und staatlichen Abgaben. Viele von ihnen erkennen Gerichtsurteile und Bescheide von Ämtern nicht an, zerstören den eigenen Personalausweis und basteln (oder kaufen) sich neue Fantasiepapiere. Dadurch geraten sie zwangsläufig mit Behörden in Konflikt, was wiederum zu Ablehnung und Wut führt.

Und wenn ich nur einen in die Finger bekomme; Dann zerreiß’ ich ihn in Fetzen. Und da hilft auch kein Verstecken hinter Paragraphen und Gesetzen. – Söhne Mannheims, Marionetten

Was von der Band Söhne Mannheims womöglich gemeint wurde oder nicht, ist erst einmal nebensächlich. Entscheidend ist, wie es von den Reichsbürgern in ihrer selektiven Wahrnehmung verstanden wird. Denn diese bemühen Verschwörungsmythen, um die eigene Weltsicht zu rechtfertigen. Nur die wenigen »Aufgewachten« durchschauen die Regierungsverschwörungen und kennen die Wahrheit. Das macht Reichsbürger anfällig für andere Lügen wie Fake News und weitere Verschwörungsideen wie etwa Chemtrails.

Das ist das gefährliche an solchen Einfallstoren wie einem solchen Lied. Jemand, der sich in die Debatte einmischt und naiv recherchiert, landet sehr schnell bei einem Netzwerk um rechte Verschwörungsblogs. – Alexander Waschkau

Während dort Alexander Waschkau weiter gegen das Medienecho von rechts anschrieb, folgte ich Markus unter Pseudonym dorthin, wo Reichsbürger miteinander kommunizieren …

Das sagen die Staatenlosen wirklich

Mir geht es aber um mehr, als verlässliche Informationen über Reichsbürger zu bekommen. Ich will die Welt verstehen, in die Markus sich hineinbegibt. Doch mit meinem liberalen Journalisten-Profil ist das kaum möglich. Wie gut, dass wir im Internet sind und es Pseudonyme gibt.

Ich erstelle mir also mit einer neuen Mail-Adresse eines kostenlosen Anbieters ein neues Facebook-Profil unter falschem Namen, lade ein nichtssagendes Foto eines freien Bilderdienstes hoch und gebe ein paar Hobbies an. Als Beruf wähle ich Buchhändler und lege mir eine kleine Geschichte zurecht: finanziell eher erfolglos, Single, skeptisch gegen Asylpolitik und »Genderwahn«. Dazu like ich ein paar Heimatvereine und teile als Erstes den Marionetten-Song. Nach etwa 2 Tagen Vorarbeit ist mein Alter-Ego fertig, um in die Reichsbürgerszene einzusteigen.

Ich bitte die Facebook-Gruppe Deutschland & Reichsbürger, in der auch Markus unterwegs ist, um Aufnahme und werde prompt zugelassen. Tagelang folge ich den Posts gegen Geflüchtete, gegen Merkel und gegen »Systemmedien« – und klicke auf alle Empfehlungen. Schnell erschließt sich mir ein ganzer, eigener Nachrichten-Kosmos:

Ich abonniere den Newsletter von Stimme & Gegenstimme und lese über geplante NATO-Kriege, lande über Werbebanner bei den Videos von Quer-denken.tv gegen Frühsexualisierung und lerne von angeblichen Tabu-Themen wie »Rassismus gegen Deutsche«. Übersteigertes Misstrauen scheint mir im Kern von vielen Beiträgen zu stecken. So stoße ich immer wieder auf das Thema Elektrosmog und auf Impfgegner. Schließlich lande ich in diversen Facebook-Foren der rechtsradikalen Szene, in denen Aufmärsche organisiert und Nazi-Symbole geteilt werden – harter Tobak.

 

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Bild oben: Wer in den Nachrichten-Kosmos der Reichsbürger eindringt, fühlt sich wie auf einer Entdeckungsreise – häufig per Werbebanner. Eine Auswahl.

 

Nach 2 Wochen bin ich soweit abgehärtet, dass ich mich an Gespräche mit Reichsbürgern heranwage. Zunächst kommentiere ich Beiträge – ich weiß ja mittlerweile, worauf es ankommt. Hauptsache skeptisch, Hauptsache gegen die Behörden. Als »Neuling« nimmt man mich an die Hand. Mit manchen Reichsbürgern führe ich lange, private Chat-Gespräche und lerne sie näher kennen:

  • Iris’ Thema ist der Holocaust. Ihrer Überzeugung nach seien viele Beweise gefälscht worden, um dem deutschen Volk Schuld einzureden und den »Juden zu ihrem Staat zu verhelfen«. Dasselbe würde gerade mit den Geflüchteten passieren – Schuld einreden, damit niemand die Islamisierung bemerke. Iris selbst hadert mit den Behörden um das Sorgerecht für ihren Sohn, das sie erst kürzlich verloren hat. Armut spielt auch eine große Rolle in ihrem Leben – und auch der Neid auf die, die nicht »beim Amt antanzen müssen«.
  • Axel will zurück zur Natur. Er wettert gegen Smartphones, Elektrosmog und all den »digitalen Dreck«, der das Leben aller Menschen angeblich zerstört. Sein Reichsbürgertum wirkt auf mich wie ein radikaler Ausstieg aus seinem Leben als unterbezahlter IT-Techniker. »Burnout« habe er gehabt, als er »aufgewacht!« sei. Holzweg oder nicht ist ihm egal – besser überhaupt erst einmal raus aus dem System, irgendwohin. Sein Traum ist eine Aussteiger-Kommune mit anderen Reichsbürgern auf dem Land – aber mit Internet.
  • Markus ist erklärter Anti-Nazi. Das wird mir jedenfalls klar, als ich unter Decknamen auch mit meinem Schulfreund spreche. Seiner Ansicht nach ist die Bundesregierung die direkte Nachfolge des nie untergegangenen NS-Regimes. In seinem Kampf gegen die »versteckten Faschisten seit ’45« hetzt er mit echten Neonazis gegen Geflüchtete. Und sonst? »Ach, das Übliche halt, der ganz normale Frust im Job«, Wut auf fehlende echte Veränderung und etwas zu viel Alkohol.

Ein kleines Vokabular der Reichsbürger:
Aufwachen – beginnen, die Reichsbürgerideologie zu teilen
Beweise – angebliche Belege für die Verschwörungstheorie
Brüder – Reichsbürger-Freunde
BRD GmbH – abwertend für die BRD, die angeblich eine GmbH sei
Marionetten – die Bundesregierung; eine Anspielung auf anti-jüdische Feindbilder als Puppenspieler im Hintergrund
Michel – ein spöttischer Name für Deutsche, die keine Reichsbürger sind
Natürliche Person – ein Reichsbürger
NWO – die neue Weltordnung, ein Angstgegner als Chiffre für diverse Regierungsverschwörungen
Schlafschafe – alle, die die Reichsbürgerideologie nicht teilen

Schlafschafe

 

 

 

 

 

 

 

Bild oben: Im Kern vieler Nachrichten der Szene stehen Beunruhigung und Misstrauen gegen die Regierung. – Quelle: facebook

 

Was ich aus zahllosen Chats mitnehme, ist das Bild einer sehr heterogenen, exklusiven Gemeinschaft: In ihrer gemeinsamen Ablehnung der »BRD GmbH« haben die Reichsbürger den Grund und Boden ihres Wir-Gefühls abgesteckt. Gestritten wird nur selten, man bleibt im gemeinsamen Hass tolerant und höflich, verwendet viele Smileys, um Missverständnissen vorzubeugen und sympathisch zu wirken, hilft einander mit Tipps gegen den Staat und pflegt eine eigene Etikette.

Hallo ihr Lieben 😉 Ich weiß nicht mehr, wie ich das SYSTEM Korrupte Drecks Pack der BRD GmbH ansprechen soll! Und Ja, ich habe sie mit ALLEN Beweisen konfrontiert! Und das schon seit zweieinhalb Jahren! […] Wie kann Man/n Frau dieses manipulierte Drecks PACK psychisch fertigmachen? Und wer kennt den richtigen Anwalt? Der auf die BRD scheißt? Sorry 😉 mein’ ja nur. – Ein Mitglied in Deutschland & Reichsbürger

Was mich selbst erstaunt: Trotz faktisch falscher Annahmen und menschenverachtender Parolen wirken die Reichsbürger auf mich wie eine stabile Gemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt und selbst Mitgliedern mit absurden Ansichten Verständnis und Geborgenheit bietet.

Vor diesem Hintergrund erschließt sich mir endlich auch die Begeisterung vieler Reichsbürger für das Lied »Marionetten«. Der Liedtext der Söhne Mannheims entspricht den Unterhaltungen in den Reichsbürger-Foren: Es ist aufgeregt und vage genug, sodass sich alle damit identifizieren und verstanden fühlen können.

So ist das auch für Markus. Ich lerne, dass das Lied für ihn kein Grund war, in die Szene einzusteigen. Er hatte bereits vorher ein wirres Weltbild und stellt dieses nun nur mit neuem Selbstbewusstsein zur Schau. Für Markus sind Reichsbürgertum und auch er selbst ein Stück salonfähiger geworden.

Weißte, endlich sagt’s halt mal einer. – Markus

 

Reichsbürger in den Bundesländern

 

 

 

 

 

 

Bild oben: So häufig wurde der Begriff Reichsbürger auf Google im vergangenen Jahr gesucht. Die Zahlen stellen nur Verhältnisse nach Google Trends dar. – Quelle: https://trends.google.de/trends/

 

Warum Reichsbürger gefährlich sein können

Auch wenn ich mittlerweile anfange, für bestimmte Reichsbürger Mitleid und sogar Sympathie zu empfinden, bleibt eines doch ständig in meinem Bewusstsein: das Gefahrenpotenzial. Widerstand gegen den Staat ist ein zentrales Thema der Szene. Träume davon, die BRD mit Gewalt »hinwegzufegen« werden generell akzeptiert und regelmäßig bejubelt. Immer wieder diskutieren einzelne Mitglieder über Mittel, sich zu verteidigen – von Pfeffersprays bis zu Schusswaffen –, und dass man »schon vorsorgen« müsse. Teilweise herrscht echte Endzeitstimmung:

Bereitet euch schonmal drauf vor. Lange macht’s der Lügenstaat nicht mehr. Und wenn er zu abnippeln anfängt, sind wir vorbereitet und treten mit Krach nach. – Jochen, ein Kommentator auf Facebook

Ich wünsche mir EIN Volk, das zusammensteht gegen die FinanzGmbH-BRD! Brüder, ein Volkssturm muss her!!! – Frank, ein Kommentator auf Facebook

Dass solche verbalen Gewaltfantasien nicht in digitalen Foren bleiben und sich auch in der echten Welt entladen können, dürfte spätestens seit Oktober 2016 klar sein. Ein Reichsbürger in Mittelfranken eröffnete bei einer Polizei-Razzia in seinem Haus das Feuer und verletzte einen der Beamten tödlich und 3 weitere teilweise schwer.

Seitdem nehmen die Behörden das Reichsbürgermilieu deutlich ernster. Allein im März führte die Polizei in mehreren Bundesländern Razzien gegen Reichsbürger durch. Auch der Verfassungsschutz lässt das Reichsbürgermilieu überwachen und attestiert eine wachsende Radikalisierung und »erhebliche Gewaltbereitschaft« in Teilen der Szene.

 

Struktur der Reichsbürgerbewegung

 

 

 

 

 

 

Bild oben: Aus dem Reichsbürger Leitfaden von Jörn Beckmann, Pia Lamberty und Felix W. Seidler.

Nach knapp 4 Wochen in der Szene ziehe ich ein vorsichtiges Zwischenfazit: Reichsbürger haben starke Überschneidungen mit rechtsextremem Gedankengut, sind eher männlich, eher tierlieb und eher älter. Unter dem schwammigen Begriff versammeln sich Neonazis genauso wie Geschichtsleugner (Revisionisten), politisch unzufriedene Skeptiker und die, die einfach nur Geld damit verdienen wollen (Milieumanager).

Doch Reichsbürger zu sein, bedeutet nicht zwangsläufig, gewaltbereit zu sein. Nur weil sich jemand Reichsbürger nennt, hortet er noch keine Waffen, hisst eine Reichskriegsflagge und sichert sein Haus mit Stacheldraht.

Das gab mir Hoffnung für Markus.

Wie weckt man einen Reichsbürger auf?

Ich bin genau einen Monat mit meinem Pseudonym unterwegs, als es mir zu viel wird. Markus teilt gerade seinen Fund des Tages auf Facebook darüber, dass angeblich eine direkte Blutlinie von Adolf Hitler zu Angela Merkel besteht – da versuche ich spontan, ihn wachzurütteln. Direkt unter dem Post auf seiner Facebook-Seite gehe ich in die Offensive, halte dagegen, zweifele die Quellen an, zeige Logikfehler auf und schließe mit: »Das ist doch alles krude. Weißt du Markus, ich glaube, das ergibt keinen Sinn.«

Mein Versuch geht gehörig schief. Markus und seine neuen Freunde enttarnen mich als »Schlafschaf im Wolfspelz« und schließen mich nach einigen Beschimpfungen prompt aus.

Was also tun?

Meine Fehler: Vorgehensweise, Ausführung und Plattform. Ich war in einem »Echobunker« gewesen, in dem eine anderslautende Meinung keinen Platz hat. In der ständigen gegenseitigen Bestärkung immunisieren sich die Mitglieder gegen alle Zweifel. Wer nicht mitmacht und etwas anderes als die typischen Reichsbürger-News teilt, wird als Abweichler erkannt. Durch die soziale Stigmatisierung isolieren sich die Betroffenen nur noch mehr und werden tiefer in das neue soziale Umfeld getrieben – eine Teufelsspirale.

Das weiß auch Ricardo von STEIG AUS!, mit dem ich Markus’ Fall bespreche. »Reichsbürger wenden sich nur selten an uns und andere Aussteiger-Programme«, erklärt er mir. Die Struktur in der Szene sei teilweise sektenartig mit eigenen Gurus – der Ausstieg schwer. Selbst ich als Besucher konnte das spüren. »Eine Chance hast du nur mit Bezugspersonen außerhalb der Szene.« Und mit der richtigen Strategie:

  • Private Gespräche suchen: In der Öffentlichkeit verhalten sich Menschen anders als privat. Das gilt auch im Internet. Dort sind Aussagen nie nur auf den Angesprochenen gemünzt, sondern immer auch auf potenzielle Mithörer. So geht es bei Provokationen oft mehr darum, Zustimmung von der Gruppe zu erhalten und ihr Zugehörigkeit zu signalisieren, als wirklich den Inhalt zu vertreten. Wer also Reichsbürger erreichen möchte, kommt in persönlichen Gesprächen deutlich weiter. Dabei gilt es, erst einmal einen gemeinsamen Nenner zu finden, etwa Gemeinsamkeiten über Hobbies und Erlebnisse. Das signalisiert dem Anderen: Ich finde deine Haltung nicht gut, respektiere dich aber als Mensch.
  • Zweifel säen statt entkräften: Reichsbürger errichten gemeinsam eine komplexe Verschwörungstheorie. Generelles Misstrauen gegen den Staat, Wissenschaft und Medien hilft ihnen dabei, Informationen sehr selektiv zu verwenden – anders formuliert: Je tiefer jemand drinsteckt, desto schlechter kommt man mit Fakten durch. Oft ersetzt nur eine neue Verschwörungstheorie die soeben widerlegte. Reichsbürger verfallen dabei häufig in typische »Was ist denn mit …?«-Fragen, die vom Gegenstand ablenken. Wer das nicht mitspielt, sondern selbst sachlich bleibt und mit Verständnisfragen die Verschwörungstheorie abklopft, hat bessere Chancen, dass zumindest nach dem Gespräch kritischer weitergedacht wird. »Reichsbürger bedienen sich in einem freien Land der Freiheit, um zu sagen, man sei nicht frei. Das ist schon absurd.« – Alexander Waschkau
  • Bei persönlichen Problemen unterstützen: Reichsbürgertum ist für viele Anhänger nur eine Ersatzlösung für persönliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme. Andere suchen in einer Lebenskrise nach einem Sinn und geraten über Esoterik oder radikale Kapitalismuskritik an die Ideologie. Hier hilft keine »klare Kante«, sondern Verständnis, das Aufzeigen von Perspektiven abseits der Szene und das Weitervermitteln von Personen an Beratungsstellen, die wirklich etwas bewegen können. Das gelingt aber nur, wenn man den Kontakt nicht abbricht.

»Reichsbürger bedienen sich in einem freien Land der Freiheit, um zu sagen, man sei nicht frei. Das ist schon absurd.« – Alexander Waschkau

Auch durch gesellschaftliche Aufklärung tut sich etwas. Das erkennt man bereits daran, dass sich diverse Reichsbürger-Gruppierungen seit 2016 nicht mehr mit dem Wort »Reichsbürger« identifizieren wollen. Diesen Trend könnte das Lied »Marionetten« gerade bestärkt haben – nicht durch die Söhne Mannheims, sondern durch die Diskussion, die dadurch (unfreiwillig) entstehen musste.

Ich bin dagegen, dass man eine Band wie die Söhne Mannheims da zensiert. Es geht nicht darum, irgendwas zu verbieten. Doch wer solchen Quatsch in den Texten vertritt, der muss auch aushalten, dass man das einordnet und über die Ziele derer aufklärt, die sich darin verstanden zu wissen glauben. – Alexander Waschkau

Und was ist mit Markus? Am liebsten würde ich von seinem Ausstieg aus der Szene berichten. Doch Markus ist noch immer bei den Reichsbürgern unterwegs. Ich hoffe aber, dass er aus unseren Gesprächen eine Saat des Zweifels mitgenommen hat, die ihm irgendwann beim Ausstieg hilft – vielleicht sogar mit diesem Artikel.

 

Der Reichsbürger-Leitfaden

Die Broschüre des Goldenen Aluhuts klärt umfangreich über das Phänomen Reichsbürger auf. Der dahinterstehende Verein hilft auch Aussteigern.

Aussteiger-Beratungen

Das Bundesamt für Verfassungsschutz bietet deutschlandweit Aussteiger-Beratungen per Telefon und E-Mail an – auch für besorgte Angehörige.

Starrköpfe überzeugen

Sebastian Herrmann erklärt in diesem Buch, worauf es beim Diskutieren wirklich ankommt – und wie man auch Verschwörungstheoretiker überzeugt.

 

Auch ein anderer hat schon am 01.06.2017 auf diesen Artikel reagiert:

Die „Anti-Kommissarische Reichsregierung -Sonnenstaatland SSL“

Sie schreibt:

„Umgang mit „Reichsbürgern“ – Ein …

Date : 1. Juni 2017 Umgang mit „Reichsbürgern“ – Ein Erfahrungsbericht

Ein interessanter Erfahrungsbericht von einem der loszog um „Reichsbürger“ kennenzulernen, wobei er einen sogar schon kannte. 😀         Der Bericht zeigt sehr schön und ziemlich ausführlich wie die „Szene“ so tickt.

In einem können wir dem Verfasser allerdings nicht zustimmen, die Sache mit der „klaren Kante“. Nichts ist wichtiger als „Reichsbürgern“ eben „klare Kante“ zu zeigen.

Bei allem anderen -und das haben wir auch schon erfahren müssen- ist die Gefahr eine „Co-Abhängigkeit“ bzw. dem eigenen Abgleiten in die Szene einfach zu groß.

Es handelt sich um eine Sekte, eine Sekte mit vielen kleinen Kindern die nicht sozialisiert sind und bei denen eine „Re-Sozialisierung“ auch so gut wie unmöglich ist.

Menschen, die wie Kleinkinder einfach jeden Tag versuchen ihre Grenzen „auszuloten“. Hilfe kann -wie bei allen Suchterkrankungen bzw. Abhängigkeiten- daher nur erfolgen, wenn eben „klare Kante“ gezeigt wird und für den Betroffenen auch Konsequenzen „spürbar“ sind.
 

Sonnenstaatland SSL Sonnenstaatland SSL.JPG 2

 

 

 

 

 

 

 

 

Bilder oben: Screenshot des Bericht von der „Anti-Kommissarische Reichsregierung -Sonnenstaatland SSL“

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