Landesregierung Baden-Württemberg – Sektenbeauftragter Bernd Sommer gibt auf

Quelle: Stuttgarter Zeitung vom 9.6.15
http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.landesregierung-baden-wuerttemberg-sektenbeauftragter-bernd-sommer-gibt-auf.349dc82b-f00a-42de-9b11-5e83317160fa.html

Exklusiv: Landesregierung Baden-Württemberg – Sektenbeauftragter Bernd Sommer gibt auf

Von Andreas Müller

Mühsam und verzögert hatte Kultusminister Stoch Anfang 2014 einen neuen Sektenbeauftragten gefunden. Nun hört der Amtsinhaber, Bernd Sommer, vorzeitig auf. Die Sektenopfer sind damit wieder ohne offiziellen Anwalt.

Stuttgart – Der neue Sektenbeauftragte der Landesregierung, Bernd Sommer, gibt sein Amt vorzeitig wieder auf. Nach nur gut einem Jahr als Nachfolger des renommierten Sektenexperten Hans-Werner Carlhoff hat sich der 57-jährige Theologe und Lehrer entschieden, an seine Stammschule zurückzukehren. Dies habe allein „persönliche Gründe“ und keine strukturellen Ursachen, sagte ein Sprecher des Kultusministeriums von Andreas Stoch (SPD). Dort ist die „Informations- und Koordinierungsstelle zu Fragen sogenannter Sekten und Psychogruppen“ angesiedelt. Die 50-Prozent-Stelle sei inzwischen ausgeschrieben und solle „so schnell wie möglich“ wieder besetzt werden.

Für Stochs Ressort ist der Abgang Sommers besonders unangenehm, weil man sich mit der Suche nach einem Nachfolger für Carlhoff schwer getan hatte. Dieser hatte die interministerielle Arbeitsgruppe Sekten und Psychogruppen 20 Jahre lang geleitet und war für sein Engagement allenthalben hoch gelobt worden. Obwohl sein altersbedingtes Ausscheiden Ende 2012 lange absehbar war, gelang es dem Kultusministerium nicht, die Position nahtlos wieder zu besetzen. Nachdem Carlhoff noch um ein halbes Jahr verlängert hatte, blieb sie mehrere Monate vakant.

Kritik an der schleppenden Besetzung

Dies war bei den sektenpolitischen Sprechern der Landtagsfraktionen und bei den Betroffenenverbänden auf Unverständnis gestoßen: Offenbar mangele es im Kultusressort am Interesse für die nach wie vor aktuelle Sektenproblematik, kritisierten sie. Per Landtagsanfrage erkundete der CDU-Abgeordnete Tobias Wald damals, warum die Besetzung so schleppend verlaufe. Schnelles Handeln sei nötig, mahnte er, um einen „nahtlosen Übergang und Wissensaustausch“ zu gewährleisten.

Erst Anfang 2014 nahm der neue Sektenbeauftragte schließlich seine Arbeit auf. Unter sieben Bewerbern war Sommer offiziell nach dem „Grundsatz der Bestenauslese“ ausgewählt worden. In einem auf der Homepage des Kultusministeriums veröffentlichten Interview äußerte er sich zu den Motiven seines Jobwechsels: Er wolle „Mitbürger dabei unterstützen, sich vor den Risiken zu schützen, die von Gruppen ausgehen, die als fundamentalistisch oder psychologisch-manipulativ beschrieben werden können.“ Zudem gehe es ihm um den Schutz von Familien, deren Zusammenhalt durch Aktivitäten solcher Gruppen – in den USA „destructive cults“ genannt – gefährdet sei. Dabei berichtete er von Kontakten mit Menschen, „deren Verzweiflung mitunter bestürzend ist“.

„Verfüge über genügend Rückgrat“

Auf die Frage nach den Anfeindungen, denen sein Vorgänger ausgesetzt war, sagte Sommer: „Sie können gerne davon ausgehen, dass ich diesbezüglich über hinreichend Rückgrat verfüge.“ Zugleich verteidigte er die verzögerte Wiederbesetzung, die „einfach einen längeren Vorlauf“ brauche. Carlhoff und die Kollegen im Kultusministerium hätten ihm geholfen, sich rasch einzuarbeiten. Seine Erfahrungen als Pädagoge seien für ihn von Nutzen, wenn es darum gehe, Jugendliche vor der Anwerbung zu schützen; deren Unerfahrenheit dürfe nicht missbraucht werden.

Gleichwohl gab es Kritik an Sommers Engagement und Präsenz. Als es im zuständigen Landtagsausschuss kürzlich um die Sekten-Arbeitsgruppe ging, fehlte deren Leiter. Auch Kultusminister Stoch konnte dies auf Nachfrage nicht erklären. Per Antrag erkundigte sich der CDU-Abgeordnete Wald unlängst nach einer ersten Bilanz des neuen Sektenbeauftragten. Da Sekten und Psychogruppen sehr gut organisiert seien und ihre Absichten zu verschleiern wüssten, sei Aufklärung unverändert „elementar wichtig“. In der Antwort listete das Kultusministerium auf vier Seiten die Tätigkeitsfelder der Arbeitsgruppe auf.

Gut 300 Bürgeranfragen beantwortet

Gegenüber der StZ sagte der Ministeriumssprecher, die dem Ressort bekannte Kritik richte sich „nicht an den Stelleninhaber, sondern thematisiert die schwierige Aufgabe an sich“. Immer wieder werde gefordert, das Ministerium solle sich eindeutiger positionieren, ob bestimmte Organisationen als Sekten oder Psychogruppen einzuschätzen seien. Dafür habe man aber nur „begrenzte Möglichkeiten“.

Seit seinem Amtsantritt habe Sommer mehr als 300 Anfragen von Bürgerinnen und Bürgern beantwortet. Zudem habe er ein Programm zur Stärkung von Jugendlichen entwickelt, stark gefragte Fortbildungen veranstaltet, einen Wettbewerb zur Gedenkstättenpädagogik konzipiert und „an der Auseinandersetzung mit Phänomenen des Salafismus verantwortlich mitgewirkt“. Sommer selbst wollte sich gegenüber der StZ nicht zu seinem Rückzug äußern – auch nicht dazu, was er seinem Nachfolger empfiehlt. Bewerbungsschluss für die Stelle war übrigens Anfang Mai; bis wann das Besetzungsverfahren abgeschlossen sein soll, blieb zunächst offen.

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