Bis sich der Weg zum Licht verfinstert / Ein Betroffenenbericht

„Blick vom Fernsehturm“, 24.09.2010 02:36 Uhr Reportage

Vor dem Lockruf einer Sekte ist offenbar niemand gefeit. Die Geschichte einer Familie. Von Judith A. Sägesser
„Ja der Hannes, mein schöner Hannes“, murmelt Maria Lohmann auf der Treppe.            Sie geht nach oben, um das Foto zu holen. Es ist so groß wie eine Zeitung und gerahmt. „Das habe ich nur zum Schutz gemacht“, sagt Maria Lohmann. Der schöne Hannes hat den Rahmen nicht verdient. Das Bild zeigt den Sekten-Guru in ein weinrotes Tuch gehüllt. Hannes lächelt. Er lächelt vielfältig. Verschmitzt, überlegen, harmlos. Vor allem aber lächelt er bezaubernd, gefährlich bezaubernd.
Hannes Scholl hat sich mit seiner Sekte vor Jahren ins Leben der Familie gelächelt.             Heute lebt er als Marc Steinberg in Südafrika. „Der Boden hier ist ihm zu heiß geworden“, sagt Maria Lohmann. Sie hat ihm kräftig eingeheizt, hat jedem von seinen Machenschaften und Psychotricks erzählt. „Das hat er mir nie verziehen.“                                Sie kümmert das nicht. Mit dem schönen Hannes ist sie fertig, und ihre Familie auch. „Manchmal überlege ich, was gewesen wäre, wenn wir die Kinder da nicht rausbekommen hätten.“ Der Gedanke schaudert sie.
Ihre Tochter, ihre zwei Söhne und ihre Schwiegertochter sind vor 15 Jahren in die Fänge des Gurus geraten. Die Tochter hat sogar ihren Job aufgegeben und ist zu ihm nach München gezogen. Etwas mehr als ein Jahr glaubten sie an seine außergewöhnlichen Fähigkeiten, dass er sie zum Licht führen würde; sie schoben ihm ihr Geld zu. Einem Mann, der sich auf Reisen an die Frauen ranmachte. Einem Mann, dessen Kühlschrank mit Delikatessen gefüllt war, während seine Anhänger schauen mussten, wie sie mit fünf Mark in der Woche klar kamen. Extra-Geld gab“s nur, wenn sie neue Mitglieder anwarben.
Auf einer seiner Internetseiten tut Hannes Scholl alias Marc Steinberg solche Anschuldigungen als Rufschädigung, ja Rufmord ab. Er nennt sich selbst Coach und Trainer. Er sei auf der Suche nach einem funktionierenden Beziehungsmodell.                       „Das braucht aber Menschen, die auf einer etwas höheren Bewusstseinsstufe sind, als es gegenwärtig noch der Fall ist“, schreibt er. Und dass er heuer anders heißt – sei“s drum. „In den meisten Ländern dieser Welt ist das eine ganz normale Sache.“                                  Er sei seinem Geburtsnamen entwachsen, wie einer Hose oder einem Hemd.
Maria Lohmann lächelt bei solchen Worten. So ist er halt, ihr Hannes. Auch sie drohte, sich in seiner Sekte zu verlieren.                                                                                                Maria Lohmann heißt in Wahrheit anders.  Ihren echten Namen und wo sie wohnt, behält sie für sich. Sie will ihre Kinder schützen. Mit einer Geschichte wie dieser geht keiner gern hausieren.
Liselotte Wenzelburger-Mack kennt viele solcher Geschichten, eine gruseliger als die andere. Das Büro in Großbettlingen, ein 4000-Seelen-Dorf bei Nürtingen, ist längst zu klein dafür. In dem Zimmer stapeln sich Kisten und Mappen voller Schicksale, voller Informationen über Sekten und Kulte. Frau Wenzelburger-Mack hat die Ordnung aufgegeben. Sie kommt nicht mehr hinterher. Sie ist die Landesvorsitzende von Ebis.      Das ist die Kurzform für Eltern- und Betroffeneninitiative zur Selbsthilfe.                          Der Verein wird im Oktober 25 Jahre alt. Bei Frau Wenzelburger-Mack schellt das Telefon, wenn Mütter weder ein noch aus wissen, wenn Väter mit ansehen mussten, wie ihren Kindern angebliche Dämonen ausgetrieben wurden.
Es ist knapp 20 Jahre her, dass Frau Wenzelburger-Mack selbst bei Ebis angerufen hat. Das war ein paar Monate, nachdem ihr Bruder tot in seiner Werkstatt hing. Er hatte einen Knebel im Mund. Sie ist überzeugt, dass die Scientologen ihn auf dem Gewissen haben. Bewiesen wurde ihr Verdacht indes nie.
Für Frau Wenzelburger-Mack war der Tod des Bruders der Beginn eines Krieges. Von der Scientology Kirche hatte sie vorher noch nie gehört. „Ich konnte den Namen gar nicht aussprechen, das musste ich erst mal üben.“ Sie las und recherchierte, sie machte sich zur Expertin. Und je mehr sie über Scientology erfuhr, desto klarer wusste sie: „So etwas darf nicht sein in unserer Gesellschaft.“
Also hat sie gekämpft. Und wenn Frau Wenzelburger-Mack kämpft, dann richtig. Sie spricht breites Schwäbisch, verzichtet auf gestelzte Worte. Sie sagt, die Scientologen sind eine Saubande und Lügenbeutel. Während Schimpftiraden hebt sie den Zeigefinger und äugt über den Brillenrand. Was sie denen schon entgegengeschleudert hat, am Telefon oder wenn sie das Haus in Großbettlingen fotografiert haben. „Die Nuss Wenzelburger haben die nicht geknackt“, sagt sie und lächelt genüsslich. Für ihr Engagement hat sie 1990 das Bundesverdienstkreuz am Bande bekommen.
Die Schwiegertochter von Maria Lohmann war die erste, die Hannes Scholl verfallen ist. Beim Stadtbummel hat sie einen alten Schulkameraden getroffen. Der einst verklemmte Junge war ein selbstbewusster Mann. Sein Geheimrezept: die Kurse von Hannes Scholl. So kam eines zum anderen. Die Schwiegertochter hat sich zu einem Informationsabend einladen lassen und sich gleich fürs erste Seminar angemeldet. Dann hat sie ihren Mann angeworben, und kaum hatte sich Maria Lohmann versehen, waren all ihre Kinder mit von der Partie. „Ich kam in Zugzwang“, sagt sie. „Die Kinder waren die Wissenden, ich war die Blöde.“ Schließlich hat sie sich auch in München angemeldet.
Die Mutter hat sich anfangs mitreißen lassen. „Die haben bei jedem Wort geklatscht, und Sie kommen sich so vor, als ob Sie der einzige Mensch auf der Welt sind, der nichts weiß.“ Es hieß, „Hannes habe das Rezept gefunden, wie man seinen Haushalt besser organisieren kann und so weiter“. Praktische Lebenshilfe, was war schon dabei? Hannes, den Meister, lernte sie erst später kennen. Vor dem großen Auftritt wurde ihr von ihm vorgeschwärmt, die anderen waren völlig hingerissen. Die Spannung war kaum auszuhalten. Der schöne Hannes war tatsächlich schön. „Er sah nicht aus wie ein Guru. Er war für mich ein Mensch, der etwas drauf hat.“
Das Seminar dauerte von morgens früh bis spät in die Nacht, und das drei Tage lang. Maria Lohmann war irgendwann so müde, dass sich der letzte innere Widerstand verflüchtigte. Sie war wie angefixt. „Ich dachte, ich verpasse was, wenn ich nicht wieder hingehe.“ Das Wochenende hat sie 700 Mark gekostet. Hätte sie sich fürs nächste Training angemeldet, hätte sie das 2500 Mark gekostet, der Preis fürs übernächste lag schon bei 7500 Mark. Maria Lohmann stieg aus, zog die Notbremse. Freunde benutzten ihr gegenüber zum ersten Mal das Wort Sekte. Da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Ihre Kinder jedoch, die hatten sich schon sehr verändert. „Ich bin nicht mehr an sie rangekommen.“
Angehörige machen meistens einen Fehler, sagt Dieter Rohmann, ein Münchner Psychologe, der sich auf Ausstiegsberatung spezialisiert hat. Mütter wie Maria Lohmann verteufeln die Sekte, „sie konfrontieren das Mitglied mit knallharten Fakten“. Mit dem Ergebnis, dass sich ihre Lieben erst recht abwenden. Um zu verstehen, wie sich Sektenmitglieder fühlen, „muss man mal tief verliebt gewesen sein“, sagt Rohmann. „Es heißt ja: blind vor Liebe.“ Und ein Sektenangehöriger ist verliebt in die neue Welt, die ihm vorgegaukelt wird.
Wenn Eltern ihre Kinder zurückhaben möchten, müssen sie sich zusammenreißen. Sie sollten ihnen zeigen, dass sie Respekt haben vor dem gewählten Weg, auch wenn er ihnen nicht gefällt, sagt er. So bestünde die Chance, dass der Kontakt nicht abbricht. Das sei wichtig, sagt Rohmann, vor allem für die Zeit, in der sich die Kinder von der Sekte lösen. Sie brauchen dann jemanden, der sie auffängt, ihnen zuhört. Dass einer, der einsteigt, wieder aussteigt, sei fast gewiss. „Den meisten kommen nach einem halben Jahr erste Zweifel.“
Sekten haben Antworten auf alle Fragen. Das macht sie gefährlich, sagt Rohmann. Es trifft in der Regel Menschen in Sinnkrisen. „Die Gruppen geben vor, ihre Interessen zu teilen.“ Die Sekte gibt ihnen das Gefühl, ernstgenommen zu werden. „Niemand geht mit dem Kopf in eine Sekte, sondern mit dem Bauch.“ Oftmals sind es Idealisten, die sich in einer Sekte verfangen, sagt er. Leute, die immer wieder enttäuscht worden sind von der Welt. „Die, die in Sekten sind, sind die, die wir hier draußen brauchen würden.“
Wie die Tochter von Maria Lohmann. „Sie war eine Gerechtigkeitsfanatikerin“, sagt die Mutter. Sie war eine normale junge Frau, sie spielte Tennis und mischte im Tierschutzverein mit. Mit 17 Jahren ist sie der Sekte beigetreten. Sie war diejenige in ihrer Familie, die für den Absprung am längsten gebraucht hat. Ein Psychologe hat ihr geholfen, den schönen Hannes aus dem Kopf zu kriegen. „Die Techniken sitzen tief, das muss raus“, sagt Maria Lohmann. Heute ist der Guru für sie Geschichte. Das ist auch der Grund, dass die Mutter und nicht sie die Geschichte erzählt.

„Maria Lohmann“ ist Mitglied der EBIS e.V. Baden-Württemberg und schilderte ihre Erfahrungen und Eindrücke für die Stuttgarter Nachrichten:
http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.bis-sich-der-weg-zum-licht-verfinstert.3a0bf396-9294-40be-8ce6-8d51af36ce90.html

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