„Motivationstrainer“ – Interview mit Bärbel Schwertfeger

Das Krokodil-Exklusiv-Interview mit Bärbel Schwertfeger
zum Thema „Motivationstrainer“

Da ist Joseph Murphy, Urvater und Entwickler von „Motivationstrainings“, der von 1898 bis 1981 als „Positiv-Denker“ und Erfolgsautor gelebt hat und dessen Motivationsideologie noch heute zahlreiche Nachahmer findet.

Da ist Erich J. Lejeune, der 1944 in München geboren ist und das Buch „Du schaffst, was Du willst“ schrieb. Er, der ehemalige Verkäufer und Kaufmann, gründete nach Pleite und Scheidung im Jahre 1976 die Chip-Handelsfirma „Consumer Electronic“, welche dann mit einem Börsenwert von 2,4 Milliarden DM gehandelt wurde. Seit etwa 4 Jahren schreibt er Motivationsbücher und hält entsprechende Vorträge. Seine Tagesgage wird auf DM 20.000,- geschätzt.

Da ist Walter Dimler, ehemaliger Fußballprofi, der seit Juli 2000 als „Mental-Trainer“ beim 1. FC Nürnberg unter Vertrag steht.

Da ist Nikolaus Enkelmann aus Königstein, Gründer der „Akademie des Erfolgs“, welcher im Hotel SI in Stuttgart und im Schlosshotel Nürtingen als „Top-Trainer“ für Erfolg, Rhetorik und Motivation für ca. DM 275,- (zzgl. Mehrwertsteuer) Eintrittsgeld auftrat.

Da ist Jürgen Heinrich, der im Hotel „Holiday Inn“ in Stuttgart seine Zuhörerschar mit dem Satz „Sprenge Deine Grenzen – Nichts ist unmöglich!“ zum Rasen bringt.

Da ist Emile Ratelband, gelernter Bäcker, der in Arnheim / Niederlande geboren ist und sich seit 1988 hingebungsvoll der Motivationspraxis widmet. Wenige kennen seinen Namen, aber alle können sich an ihn und seine Fernsehauftritte erinnern, wenn er wieder einmal mit einem „Ja, Du kannst es – Tjakaa“ seine „Angst-Patienten“ in eine Achterbahn setzte oder sie vor laufender Kamera drängte, Dinge zu tun, die in ihnen Unmut hervorriefen, um sie letztendlich von ihren Übeln zu befreien und ihnen zu helfen, ihren Mut wiederzufinden.

Und da ist Jürgen Höller, der gelernte Speditionskaufmann, der mit seiner „Motivations-AG“ an die Börse wollte. Er galt als „Zar unter den Motivationskünstlern“, der es schaffte, die Schleyer-Halle in Stuttgart ebenso zu füllen wie die Frankfurter Festhalle oder die Dortmunder Westfalen-Halle. Auf seinem „Inside 99 – Management – Kongress“, welcher am 25.02.1999 in der Rheingold-Halle in Mainz stattfand, fanden sich auch zahlreiche Referenten von Rang und Namen.

Es ließen sich zahlreiche andere „Motivationstrainer“ aufführen.

Frau Bärbel Schwertfeger ist unsere Gesprächspartnerin.

Sie ist Diplom-Psychologin und schreibt als freie Journalistin u.a. für „Wirtschaftswoche“, „Handelsblatt“, „FAZ“, „Welt am Sonntag“, „Die Zeit“ und „Stern“.

Sie ist Autorin zahlreicher Bücher (u.a.: „Der Griff nach der Psyche – Was umstrittene Persönlichkeitstrainer in Unternehmen anrichten“ (1998); „Das MBA-Handbuch“ (1994); „Der Therapieführer“ (1989 und 1995); „Die Körpersprache der Bosse“ (1990).

 

Aufklärungsgruppe Krokodil:
Frau Schwertfeger, wie kommt man (Frau) eigentlich dazu, sich für Persönlichkeitstrainer und Motivationsseminare zu interessieren?
Bärbel Schwertfeger:
Als Psychologin hat mich natürlich schon immer interessiert, was in solchen Seminaren abläuft und nachdem ich immer mehr Kontakte zu „Geschädigten“ bekam, habe ich mich intensiver mit dem Thema auseinandergesetzt. Die Motivationsshows gibt es ja erst seit ein paar Jahren. Dabei läuft es mir immer wieder kalt den Rücken herunter, wenn ich sehe, wie schnell sich Menschen manipulieren lassen und wie schnell sie selbst die dümmsten Sprüche glauben.
Aufklärungsgruppe Krokodil:
Der Begriff „Motivation“ wird übersetzt mit „Die Beweggründe, die das Handeln eines Menschen bestimmen“. Welche Beweggründe bestimmen das Handeln des Menschen, zu solchen Veranstaltungen zu gehen?
Bärbel Schwertfeger:
Ich glaube, es ist das Erfolgsversprechen. Denn jeder dieser Motivationsgurus predigt ja, dass jeder alles erreichen kann, wenn er nur richtig denkt. Und das klingt natürlich verlockend. Glück, Reichtum, Liebe und ewige Jugend – alles ist ganz einfach.
Aufklärungsgruppe Krokodil:
„Motivieren“ heißt laut Duden nichts anderes als: „begründen, anregen und anspornen“. Wie tun das die Veranstalter?
Bärbel Schwertfeger:
Sie manipulieren durch den geschickten Einsatz verschiedener Tricks. Bei Höller verbiegen Teilnehmer auf der Bühne Metallstangen – angeblich aufgrund ihrer mentalen Konzentration. Dass sich die Metallstangen auch ganz unmotiviert verbiegen lassen, wissen sie nicht. Die Motivationsgurus setzen auf die Wirkung der Massenpsychologie und wenn die Masse erst mal vor Begeisterung tobt, dann schaltet der Einzelne seinen Verstand aus. Dass das funktioniert, wissen wir ja hinreichend aus unserer Geschichte.
Aufklärungsgruppe Krokodil:
Haben die Trainer das „Ei des Kolumbus“ gefunden, etwas was wir gesucht und vermisst haben, oder kann man eher davon sprechen, dass die Veranstalter Werbeleute sind, denen wir ein „Produkt“ abkaufen sollen?
Bärbel Schwertfeger:
Natürlich sind das alles geschickte Verkäufer und nicht umsonst kommen Ratelband, Lejeune und Höller aus dem Verkauf. Nur dass sie kein Produkt, sondern ein Erfolgsversprechen verkaufen. Ob der Erfolg dann auch eintritt, wird natürlich nicht überprüft und außerdem, wenn es nicht klappt, ist ja sowieso der Betroffene schuld. Er hat eben nicht positiv genug gedacht. Das ist natürlich ein geniales Geschäftsmodell.
Aufklärungsgruppe Krokodil:
Aus Eigendarstellungen der „Motivationstrainer“ zu ihren beruflichen Erfahrungen könnte man den Eindruck gewinnen, jeder kann sich ohne Vorbildung „Trainer“ nennen und sich auf die Bühne stellen. Kann man das so sagen?
Bärbel Schwertfeger:
Das ist ja das Gefährliche. Viele dieser Trainer wissen wirklich nicht, was sie tun und welchen Schaden sie anrichten können. Wenn Höller behauptet, er kann Phobien heilen, dann ist das höchst bedenklich. Das ist ungefähr so, als ob ein Automechaniker verspricht, Magengeschwüre zu heilen.
Aufklärungsgruppe Krokodil:
Mit solchen Veranstaltungen wird sehr viel Geld verdient. Jürgen Höller vertrat in einer Veranstaltung die Meinung: „Arbeitslose sind selbst schuld“. In einer anderen gab der seinen Zuhörern zu verstehen: „Alles was ich erzähle ist christlicher Glaube“. Klingt das nicht sarkastisch und liegen solche Redensarten nicht im völligen Widerspruch?
Bärbel Schwertfeger:
Dass jeder selbst schuld ist an seinem Schicksal, ist meiner Meinung nach gesellschaftspolitisch einer der schlimmsten Punkte. Schließlich bedeutet das, dass Arme und Kranke keine Hilfe brauchen. Sie müssen ja nur richtig denken. Höller erzählt eine Menge Unsinn und vermutlich merkt er nicht einmal seine Widersprüche.
Aufklärungsgruppe Krokodil:
Sind Motivationstrainer nur harmlose Komödianten auf einer Bühne oder steckt mehr dahinter?
Bärbel Schwertfeger:
Sie sind knallharte Verkäufer, die aufgrund ihres Erfolgs irgendwann größenwahnsinnig werden. Dabei besteht natürlich die Gefahr, dass sie ihre Macht und ihren Einfluss unangemessen nutzen.
Aufklärungsgruppe Krokodil:
Manche steigen wie „Phönix aus der Asche“, wieder andere verschwinden in der Versenkung. Um Emile Ratelband ist es ruhig geworden, seit es die Fernsehauftritte nicht mehr gibt. Vielleicht trugen hierzu auch Fälle bei, wie der von Maren Weiher, eine der von Ratelband vermarkteten „Angst-Klienten“, die nach Ausstrahlung der Sendung in tiefe Depressionen fiel, wie sie selbst berichtet hatte. Ein Einzelfall? Oder lauern hier auch Gefahren?
Bärbel Schwertfeger:
Frau Weiher war psychisch krank und hätte in professionelle Hände gehört. Man kann davon ausgehen, dass auch etliche Besucher der Motivationsshows in einer seriösen Beratung – sei es eine Berufsberatung oder eine Psychotherapie – besser aufgehoben wären.
Aufklärungsgruppe Krokodil:
Immer wieder werden in die Motivationsveranstaltungen auch andere Referenten eingebaut, die sich mit Techniken beschäftigen, welche eigentlich nicht direkt mit „Motivation“ zu tun haben, sondern eher unter den Bereich „Trainings, Management & Seminar“ fallen. So hat z.B. die Höller Inline-Akademie auch NLP-Trainer als Referenten im Angebot. Man könnte auch an Helmut Josef Ament mit seinen BEP-Kursen denken, der Bücher über Motivation und positive Lebenseinstellung schrieb und der 1986 in Frankfurt wegen sittenwidriger progressiver Kundenwerbung verurteilt wurde. Ist dies vereinbar? Gehen auch hiervon Gefahren für den Interessenten aus?
Bärbel Schwertfeger:
Die Grenze zu unseriösen Trainern ist sicher manchmal hauchdünn und für den Laien ist es schwer, die Qualität eines Trainers einzuschätzen. Denn NLP per se ist nicht unseriös, es sind vor allem die Trainer, welche die Methoden falsch einsetzen.
Aufklärungsgruppe Krokodil:
Gibt es spezielle Fälle, in denen Sie recherchiert haben und die Sie nachdenklich gemacht haben, oder die Sie sogar als warnendes Beispiel nennen könnten?
Bärbel Schwertfeger:
Sicher. Es kommt einfach immer auf die persönliche Konstitution an. Während manche völlig unbeschadet aus einem Seminar gehen, drehen andere völlig ab. Das ist wie Russisches Roulette und deswegen sollte man sich stets genau überlegen, in wessen Hände man sich begibt.
Aufklärungsgruppe Krokodil:
„Jeder ist seines Glückes Schmied“ und letztlich muss jeder selbst wissen, ob er solche Veranstaltungen besucht. Gibt es dennoch Ratschläge, wie man sich vorbereiten sollte, damit ein Interessierter in seinen Vorstellungen nicht restlos enttäuscht wird oder Tipps, wie man ein gutes Angebot von einem zwielichtigen unterscheiden kann?
Bärbel Schwertfeger:
Massenevents mit unrealistischen Erfolgsversprechen sollte man unter „unterhaltsame Show“ verbuchen, wenn man schon unbedingt hingehen will, aber auf keinen Fall als Training.
Aufklärungsgruppe Krokodil:
Angenommen, Ihr Chef würde Sie als Mitarbeiter zu einem Motivationstraining schicken. Würden Sie hingehen oder hätten Sie die richtigen Argumente, dem entgegenzutreten?
Bärbel Schwertfeger:
Ich würde mich weigern, weil ich das für Geld- und Zeitverschwendung hielte.
Aufklärungsgruppe Krokodil:
Wie würden Sie Ihre Mitarbeiter motivieren?
Bärbel Schwertfeger:
Dafür sorgen, dass ihnen ihr Job Spaß macht und dass sie ernst genommen werden.
Aufklärungsgruppe Krokodil:
Können Trainings längerfristige Schäden anrichten oder liegt der Schaden eher in der Enttäuschung, dass das Hochgefühl nicht anhält?
Bärbel Schwertfeger:
Das ist unterschiedlich. Es gibt durchaus Leute, die noch Monate danach an den Folgen knabbern. Relativ häufig kommt es in dem Hochgefühl auch zu unüberlegten Entscheidungen. Die Leute kündigen ihren Job oder verlassen ihre Familie. Zudem erzeugt das Nachlassen des Hochgefühls häufig den Wunsch, aufs nächste Seminar zu gehen. Das kann zu einer regelrechten Sucht werden.
Aufklärungsgruppe Krokodil:
Nach den Pleiten von Bodo Schäfers Firma und „add! Brain“ musste nun auch Jürgen Höllers Inline AG im Dezember 2001 Insolvenz anmelden. Überrascht Sie das?
Bärbel Schwertfeger:
Für mich ist das nur die logische Konsequenz. Denn vieler dieser Motivationskünstler haben längst den Bezug zur Realität verloren. Sie sind Gefangene ihres eigenen Erfolgs und lügen sich selbst in der Tasche.
Aufklärungsgruppe Krokodil:
Haben Sie ein neues Buch in Bearbeitung?
Bärbel Schwertfeger:
Ja. Es trägt den Titel: Die Bluffgesellschaft – ein Streifzug durch die Welt der Karriere. Erscheinungsdatum wird im Herbst 2002 sein.
Aufklärungsgruppe Krokodil:
Wir bedanken uns recht herzlich für das ausführliche Interview bei Frau Bärbel Schwertfeger.
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