Massenselbstmord in Uganda

Massen(selbst)mord in Uganda

Am späten Abend des 18.3.2000 sendet die Tagesschau erste Bilder aus Uganda.
Es ist vom Massenselbstmord einer Sekte die Rede, man spricht von 250 Toten.
Von da an überschlagen sich die dpa-Meldungen.
So erfährt man, dass es sich um Anhänger der Sekte „Wiedereinsetzung der Zehn Gebote Gottes“ handelt, die sich am Freitag abend in einer Kirche versammelten und anzündeten.
Die Sekte ist eine von der ugandischen Regierung anerkannte Abspaltung der katholischen Kirche. Sie wurde u. a. von drei ehemaligen Priestern geführt, die in den frühen 90er Jahren exkommuniziert wurden.
Gründer und „Prophet“ der Sekte ist Joseph Kibwetere (es gibt die abweichende Schreibweise „Kibweteere“).
Zum Leitungsgremium gehörte auch eine Frau, die 40jährige ehemalige Prostituierte Credonia Mwerinde, sowie der angebliche Stellvertreter Dominic Kataribaabo.

Massenselbstmord ist auch Massenmord

Die Sektenmitglieder hatten sich in Kanungu, einem kleinen Ort im Südwesten des zentralafrikanischen Landes, in einer Kirche versammelt, nach stundenlangem Singen mit Benzin übergossen und angezündet, so melden die Nachrichtenagenturen.
Aber die Polizei kommt bei ihren Untersuchungen zu der Erkenntnis, dass es kein ausschließlicher Massenselbstmord war. Viele Opfer wurden erschlagen, erstickt, vergiftet.
Unter den Opfern waren auch viele Kinder.
In den nächsten Tagen werden verschiedene Massengräber gefunden, u. a. in Rushojwa mit 47 Toten. Die Anzahl der Toten wird inzwischen auf über 800 geschätzt.
Wann wird es wohl genaue Zahlen geben?

Sektenführer ist verschwunden

Vom Sektenführer fehlt jedoch jede Spur. Die Kenianische Presse spekuliert, dass sich Kibwetere mit seinem Stellvertreter nach Europa abgesetzt haben könnte.
Präsident Museveni räumt eine Mitschuld ein, denn es gab angeblich Warnungen des Geheimdienstes.
Ende März wird ein Regierungsangestellter verhaftet, der von den Aktivitäten der Sekte gewußt und die Berichte unterschlagen haben soll.

Warum eine solche Tragödie?

Zu den Gründen des Massen(selbst)mordes wird bekannt, dass Kibwetere den Weltuntergang für den 31.12.99 vorhergesagt haben soll. Später verschob er den Termin um ein Jahr.
Er hatte seinen Jüngern sowohl Ausbildung als auch moderne Medizin verboten, sie hatten ihr Hab und Gut verkauft und wurden ungeduldig. Dann wurde Ihnen erzählt, dass am 17.3. 2000 die Jungfrau Maria erscheinen und sie in den Himmel führen werde, es wurde ihr Todestag.

Wird der Sachverhalt irgendwann einmal gänzlich aufgeklärt werden?
Werden die Verantwortlichen jemals zur Rechenschaft gezogen werden?
Zum Zeitpunkt der Erstellung meines Berichtes spricht keiner mehr über dieses Geschehen.

Ergänzende Informationen zum Geschehen:

Nach Erkenntnissen des gemeinnützigen Hope e.V. leben in Uganda 85% Christen. Davon 53% Katholiken, 28% Anglikaner, 4% Protestanten.
Weiterhin 0,7% Muslime und 0,8% Animisten (eine Weltanschauung eines Naturvolkes).
Daneben betätigen sich eine große Anzahl an Missionsgesellschaften und Sekten in Uganda.
Auch gibt es in Uganda Hunderte von unabhängigen Kirchen und Gruppen, die jenseits der etablierten Großkirchen aufblühen. Einzelne machten durch massive Gewalttaten von sich reden.
Der HOPE Newsletter vom 01.07.2002 und das DEUTSCHE ALLGEMEINE SONNTAGSBLATT, vom 24. März 2000 Nr. 12/2000, berichteten auch über solche zurückliegende rituelle Gewalt. So ließ 1977 ein Priester im Westen Ugandas neun Mädchen rituell töten und im Jahr 1999 beteiligten sich demnach mehrere hundert Menschen unter Leitung eines 19-jährigen Mädchens an einem Todesfasten weil sie das Weltende erwarteten, doch die Polizei beendete das Ritual.
Seit den 80er Jahren terrorisiert eine religiöse Bewegung der Acholi in Norduganda, die „Lord’s Resistance Army“, Teile Ugandas, so der gemeinnützige Verein für Entwicklungshilfe.

Joseph Kibwetere, der laut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in den 60er Jahren Grundschullehrer war und sich 1980 im Wahlkampf für die Demokratische (Oppositions-) Partei engagierte, zog sich nach der Wahlniederlage wieder aus der Politik zurück.
1984 soll er eine Marienerscheinung gehabt haben, die zum Ausgangspunkt seiner eigenen Gemeindegründung wurde.
1990 erfolgte die offizielle Gründung der „Bewegung für die Wiedereinsetzung der Zehn Gebote Gottes“. Die Bemühungen des damaligen Bischofs der Diözese Mbara, die Bewegung innerhalb der katholischen Kirche zu halten, scheiterten daran, dass Kibwetere sich keiner kirchlichen Leitung unterordnen wollte, da er seine Anweisungen „direkt von Gott“ erhalte.
Daraufhin wurde er exkommuniziert und drei Priester, die sich ihm angeschlossen hatten, entlassen.
Die „Bewegung für die Wiederherstellung der Zehn Gebote Gottes“ war bis zum besagten Geschehnis nach außen hin kaum aufgefallen. Ihre Mitglieder hatten sich 1994 von der katholischen Kirche abgespalten und einen Verein gegründet, den die ugandische Regierung als Nichtregierungsorganisation (NGO) offiziell anerkannte.
In Kanungu wurde in den Folgejahren das Hauptquartier aufgebaut. Nur wenige Anhänger verblieben in Kabumba.

Am 17. März 2000 erschreckte die Weltöffentlichkeit ein angeblicher kollektiver Selbstmord von 513 Mitgliedern der Sekte „Bewegung für die Wiederherstellung der Zehn Gebote Gottes“ im westugandischen Kanungu. Die Nachrichtensender brauchten einen Tag, um die ersten Erkenntnisse und die ersten Bilder weltweit zu verbreiten.
Am 19.03.2000 berichten gleich mehrere Fernsehsender, zum Beispiel das ZDF-Heute Journal und der Sender N3, sowie der französische Sender TV 5 über das Drama.
Die gesendeten Bilder erschüttern. Die Berichterstattung geht von mindestens 650 Toten aus.
Am 20.03.2000 zeigt sich im ZDF, in der Sendung „Hallo Deutschland“, wie unterschiedlich Quellen sein können. Das Journal berichtet von „250 registrierten Anhängern“ der Bewegung zur Wiedereinführung der zehn Gebote und benennt als ähnliche Bewegung die „Heilige Geist Bewegung“ von Uganda. Damalige Gründerin Alise La Quena.
Einen Tag später weisen andere Quellen auf Mitgliederlisten hin auf denen ca. 1000 Mitgliedsnamen stehen sollen.

Ebenfalls mit Datum vom 20.03.2000 berichtet die BILD-Zeitung in ihren Schlagzeilen über das „Sekten-Inferno“ bei dem „650 Menschen“ in der Holzkirche verbrannten. BILD stellt die Frage:
„Flüchtete der Anführer mit ihrem Geld nach Europa?“ und berichtet groß bebildert auf der Seite 9 weiter. Warum lassen sich Gläubige durch ihren religiösen Todeswahn ins Jenseits schicken? So fragt sich BILD und zitiert den berühmten Psychiater Emil Kraepelin, der eine Definition fand: „Wahnideen sind krankhaft verfälschte Bewusstseinsinhalte, die einer Berichtigung durch Beweisgründe nicht zugänglich sind.“ Solchen Menschen, so der BILD-Bericht weiter, kann also kein Arzt, kein Fachmann, kein Freund klarmachen, dass sie sich entsetzlich irren- sie gehen unbeirrt ihren schicksalhaften Weg in den Untergang.
Am 21.03.2000 war die Beisetzung von 330 Menschen in Uganda abgeschlossen.
Die Allgemeine Presseagentur berichtete, dass nach dem Massen(selbst)mord in Uganda Psychiater und Theologen schwere Vorwürfe gegen die katholische Amtskirche erhoben hätten. Der ugandische Theologe Gerard Banura sagte, die Kirchenführung habe die Bewegung für die Wiederherstellung der Zehn Gebote Gottes geächtet. „Mit der Isolierung dieser Leute hat die offizielle Kirche einen Fehler gemacht“, sagte Banura.
Hingegen machte der Gemeinsame Rat der christlichen Kirchen in Uganda Armut, Aids und die Verstädterung für die Entstehung von Weltuntergangssekten verantwortlich. Bis Dienstag wurden 330 Tote gezählt, unter ihnen 78 Kinder.
Bulldozer hatten am Vortag damit begonnen, die verkohlten Leichen in einen neben der Kirche ausgehobenen Graben zu schieben. In einigen Fällen waren die toten Menschen so sehr ineinander verschmolzen, dass es nicht möglich war, sie zu trennen.
Die Polizei schickte unterdessen weitere Ermittler auf das Anwesen bei Kanungu, 350 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Kampala.
Gesucht werden vor allem Sektenmitglieder, die in dem Feuer am Freitag nicht mit verbrannt sind. Nach Polizeiangaben führten die Mitgliederlisten nahezu 1.000 Namen auf.
Die Sekte von Kanungu wurde unter anderem von drei ehemaligen Priestern geleitet, die nach Angaben Banuras in den frühen 90er Jahren exkommuniziert wurden.
Sie wurden aus der Kirche ausgeschlossen, weil sie die Kommunion nur kniend und nicht im Stehen empfangen wollten. „Diese Leute irrten und brachen die Disziplin der Kirche“, erklärte am Dienstag Kirchensprecher Joseph Nkeero. Dem Leitungsgremium gehörte auch eine Frau an. Die 40-jährige ehemalige Prostituierte Credonia Mwerinde gab an, ihr sei in einer Vision die Jungfrau Maria erschienen und habe gesagt, sie sollten nicht länger den Zeremonien der Amtskirche folgen. Zunächst war vermutet worden, dass auch Mwerinde verbrannte.
Nach Polizeiangaben vom Dienstag wurden aber nur zwei Tote identifiziert, der Verwalter des Anwesens und ein Geistlicher.

Gleichfalls am 21.03.2000 beschäftigt sich auch der ORF ausführlich mit dem Thema. Auf seiner Internetpräsenz unter: http://religion.orf.at geben die Gestalter auch einen Abriss zu anderen „Massenselbstmorden“ von religiösen Gruppierungen. Am 23.03.2000 und 24.04.2003 und folgend berichten in größeren Artikeln auch regionale Tageszeitschriften über den Hergang und den gegenwärtig bekannten Zustand der Tragödie, so die Waiblinger Kreiszeitung des Zeitungsverlag Waiblingen und die Backnanger Zeitung, von denen wir Beiträge gesondert eingebaut haben.

Ebenfalls am 23.03.2000 berichtet „Der Spiegel“, dass ein überlebendes Mitglied gesehen haben will, dass Kibwetere mit seiner Stellvertreterin Credonia Mwerinde das Grundstück der Sekte verlassen hat. Auch das „Kulturmagazin Areion“ spricht von einem „Augenzeugen“ der den Sektenführer „vor dem Flammeninferno“ aus der Kirche fliehen sah.
Am 24.03.2000 berichtet das „DEUTSCHE ALLGEMEINE SONNTAGSBLATT“ in dem Artikel „Uganda- Der zelebrierte Untergang“ von Hedwig Gafga und zitiert den deutschen evangelischen Sektenbeauftragten Reiner Hempelmann, demzufolge „liegt den (Selbst-)Mordaktionen solcher religiösen Gruppen eine verhängnisvolle Struktur zugrunde: Typisch sind die starke Orientierung an einer Führergestalt, die Absage an die Welt und ein übersteigertes endzeitliches Bewusstsein.“
Am 27.03.2000 berichtet die Allgemeine Presseagentur, dass die Serie von Leichenfunden nicht abreisst. Polizei und Feuerwehr bargen am Donnerstag mindestens 55 Tote aus einer Garage in Ggaba, nahe der Hauptstadt Kampala, die von einem ehemaligen katholischen Priester und späteren Prediger der „Bewegung zur Wiedereinsetzung der Zehn Gebote“ gemietet worden war. Damit erhöht sich die Zahl der entdeckten Toten nach Angaben eines Polizeisprechers auf 924.
Der Mieter der Garage und des benachbarten Hauses, Dominic Kataribabo, wird ebenso mit Haftbefehl gesucht wie fünf weitere Anführer der Sekte, die sich offenbar nicht unter den Opfern des Massenselbstmords in der Kirche von Kanungu befanden.
Innenminister Edward Rugumayo stellte sich den Fragen der Parlamentsabgeordneten, die kritisierten, dass 50 Häftlinge die Leichen ohne Schutzkleidung ausgraben mussten. Rugumayo erklärte, einige der Häftlinge litten deshalb noch heute an den psychischen Folgen. Nach Beschwerden der Opposition und der Öffentlichkeit wurden die Exhumierungen zunächst eingestellt. Die Polizei erklärte, sie wolle die Arbeit erst fortsetzen, wenn sie über ausreichende Schutzkleidung verfüge.

„Der Spiegel“ Nr. 13/2000, vom 27.03.2000 zitiert in einem ausführlichen und bebilderten Bericht mit dem Titel „Kontinent der Kulte“ über das Geschehen und zitiert die Ministerin für Moral und Integrität im Kabinett von Präsident Yoweri Museveni, Miriam Matembe, welche die
Schuld an der Tragödie dem Westen gibt: „All dieser Unsinn kommt doch aus Amerika“.
Und weiter: „die Homosexualität, dass Frauen andere Frauen lieben, diese apokalyptischen Kulte.“
Auch der „FOCUS“ nimmt in seiner Berichterstattung an den Ereignissen teil.
In seiner Ausgabe 13/2000 „Die Asche des Todes“ weist Frank Räther daraufhin, dass der Massenselbstmord die „Macht der afrikanischen Seelenfänger“ aufzeigt.
Auf dem afrikanischen Kontinent, so der Bericht, „folgen Millionen Menschen selbst ernannten Propheten.“
Am 03.04.2000 geben die Internet-Nachrichten-Seiten von „Radio Vatikan“ der Öffentlichkeit weiter, dass gestern in Uganda mit einem ökumenischen Gottesdienst der Opfer der Sekte „Bewegung zur Wiedereinsetzung der Zehn Gebote“ gedacht hat und dass auch eine Delegation der ugandischen Regierung daran teilnahm.
Unterdessen durchsuchen Soldaten und Strafgefangene weiterhin die Gärten von Sektenmitgliedern nach Gräbern. Die Zahl der Todesopfer stieg bis zu diesem Tage auf fast tausend.
Am 14.12.2003 gibt es im SÜDWESTRUNDFUNK unter dem Titel „Uganda und die Todessekten, Religiöser Wahn in Afrika“ einen Bericht von Johannes Weiß.
Der Bericht beschäftigt sich mit der Gruppierung „Movement for the Restauration of the Ten Commandments of God“ – die Bewegung für die Wiedereinsetzung der Zehn Gebote Gottes, dem „Massen(selbst)mord einer Endzeitsekte“.

Wie Helke Koulakiotis bereits im Jahr 2000 in ihrem verfassten Bericht bemerkte, die weiteren Nachrichten versandeten mit der Zeit und es waren nicht mehr viele an einer Berichterstattung interessiert. Joseph Kibwetere und Credonia Mwerinde, entzogen sich bis heute ihrer Verantwortung an den Ereignissen. Sie sind verschwunden und es ranken sich viele Spekulationen um ihren angeblichen Aufenthaltsort oder sogar den angeblichen Tod Joseph Kibweteres.
Dieses schicksalhafte Drama sollte nicht vergessen werden.
Fast 1000 Tote, noch mehr Hinterbliebene und Betroffene!
Am liebsten wurden wir zu der Überzeugung kommen, dass sich so ein Unglück nie wiederholen wird, aber daran können wir nicht glauben.

Bilder von Joseph Kibwetere und Credonia Mwerinde findet der Leser im Internet eingestellt unter:

„Cult Education & Recovery-Joseph Kibwetere and Ugandan Cult Mass Murder“
http://www.culteducation.com sowie:
„Afribone Maili Editoriaux- Le drame ougandais pose de facon cruelle le probleme des sects..“
http://www.afribone.com.

C/o Für diesen Gesamtbericht
Helke Koulakiotis und Jörg Stolzenberger
Aufklärungsgruppe Krokodil 02/2004

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